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Europameisterin in Sarajevo 1987

Mit den schönsten Erinnerungen an meinen Olympiasieg in Sarajevo 1984, komme ich drei Jahre später wieder in die bosnische Hauptstadt, dieses Mal zur Europameisterschaft und wieder darf ich Sarajevo mit einer Goldmedaille verlassen.

Meine größte Motivation für den Erfolg in diesem Jahr, man wird es kaum glauben, liegt in der eigenen Familie: meine Schwägerin Anett Pötzsch, mit vier Europameistertiteln, die bisher erfolgreichste Eiskunstläuferin in diesem Land, zweifache Weltmeisterin und Olympiasiegerin von 1980. Sie ist meine ehemalige Trainingskameradin bei Frau Müller als ich bei ihr als Eiszwerg beginne.
Sie will ich schlagen und das geht nur mit einem erneuten Titel. Ist doch komplett verrückt, hat aber funktioniert.

Die Kür, die in der letzten Saison so gut bei den Zuschauern und Preisrichtern angekommen war, habe ich für dieses Jahr behalten, aber intensiver am Dreifach Rittberger trainiert, der in der Mitte des Programms geplant ist. So unüblich war es in meiner Zeit nicht, für zwei Jahre dasselbe Kürprogramm zu laufen. Heute überhaupt nicht mehr vorstellbar. Da muss man jedes Jahr mit neuen Einfällen und Musiken bei den großen Meisterschaften antreten.

Die Pflicht, bei der man beim stundenlangen langweiligen Kreise drehen im Wachzustand auf einem Bein die Augen zumachen möchte, lässt mich immer noch nicht zu Jubelstürmen hin reißen. Stattdessen träume ich in der morgendlichen Ruhe der Eishalle Kreise drehend vor mich hin, denke mir schöne Geschichten aus und träume auch mal von Jungs. Hallo, alt genug bin ich ja nun.
Aber das verbessert nicht wirklich meine Schlingenparagraphen oder Doppelgegendreier. Beim Wettkampf müssen die Preisrichter teilweise, auf Knien rutschend, die vom Läufer hinterlassene Spur orten, schauen ob die Kantenspuren rein sind, die Spuren deckend, die Dreier gegenüber liegen, die zwei oder drei Kreise gleich rund und nicht in Eierform usw. Tatsächlich fängt man am Rande der Europameisterschaft nun auch innerhalb der ISU an zu diskutieren, ob man die Pflicht nicht besser abschafft.
Die Diskussion hilft mir hier überhaupt nicht. Hier gibt es sie noch. Die Pflicht und die Spuren, die aussehen sollen, als wären sie vom Zirkel gezogen. Meine Spuren und Kreise sehen nicht so richtig lehrbuchmäßig aus und als Ergebnis liege ich nach der Pflicht auf einem unglücklichen 4. Platz. Das ist mir bei einer Europameisterschaft in den letzten fünf Jahren nicht passiert.
Umso mehr zählt jetzt das Kurzprogramm, welches mir in der letzten Saison ein wenig Kopfschmerzen bereitet.
Das wiederum ist brandneu und ich laufe es mit immer unbändigerem Freude. Die Glenn Miller Melodie “In the Mood” mit einem kurzen Hosenkleid. Mir soll doch keiner nachsagen können, ich hätte wieder Hosen angehabt.
Natürlich bin ich davor wahnsinnig nervös. Einen Fehler kann ich mir nach der Pflicht nicht erlauben, setze die Nervosität in Energie um und laufe fehlerfrei.
Danach weiß jeder, dass ich wieder am Siegerkränzchen mit zupfe.
Mein Aberglaube lässt mich am Tag der Kür an exakt derselben Stelle aufwärmen, wie vor drei Jahren zur Olympiakür. Anna Kondraschowa, Kira Iwanowa, Claudia Leistner und ich entscheiden mit der Platzierung der Kür, wer insgesamt gewinnen wird.
Anna und Kira, die regelmäßig in der Pflicht vor mir liegen, haben weiterhin ein schwaches Nervenkostüm und zeigen Unsicherheiten in der Kür. Claudia zeigt eine meisterliche Kür und wird trotzdem nur Vierte. Sie und andere fühlen sich betrogen und die traditionellen Diskussionen über die Bewertungen im Eiskunstlaufen gehen weiter. Was ist gerecht? Was abgesprochen? Was geschoben? Wer? Wie? Wo ? Wann? Was?
Ich gehe als allerletzte aufs Eis, werde vom Publikum sehr herzlich empfangen und laufe meine “West Side Story” mit vier Dreifachen. Ok, ich gebe es zu: Den geplanten dreifachen Rittberger, der nicht zu meinen größten “Freunden” gehört, lasse ich aus taktischen Gründen mal wieder aus. Da ich mitbekomme, dass die anderen Mädchen nicht ganz fehlerfrei laufen, brauche ich ihn nicht wirklich. Warum dann einen möglichen Fehler erst riskieren? Es reicht an dem Abend wieder für Höchstnoten und ich denke mir, Debi Thomas, zieh dich schon mal warm an.
I am on my way...

Copyright Katarina Witt
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