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Eiskunstlauf Weltmeisterin in Budapest 1988

Die Weltmeisterschaft in Budapest wird meine letzte Meisterschaft als Amateur-Eiskunstläuferin. Ich bin jetzt 22. Eigentlich sehr jung, doch im Eiskunstlauf auch schon wieder alt. Ich habe 15 Wettkampfjahre hinter mich gebracht und weiß, dass ich im Wettkampfsport mein Limit erreicht habe. Diese Weltmeisterschaft wird mir neben dem sportlichen Nervenstress auch emotional alles abverlangen.
Mein Herz hing schon immer am Eiskunstlauf. Ich war immer eine Wettkampfnatur, mochte den Druck und mochte es, mich im Wettstreit zu messen.
Und natürlich liebte ich es zu gewinnen.
Doch nach zwei Olympiasiegen, sechs Europameisterschaftstiteln und vier Mal Weltmeisterin, gibt es für mich nichts mehr zu gewinnen. Es gibt einfach keine Steigerung mehr.

Die Pflichtschlittschuhe am Haken

Ich freue mich tatsächlich zu wissen, es wird mein aller-aller-aller letzter Wettkampf in meinem Leben sein! Gerade bin ich zum zweiten Mal Olympiasiegerin geworden, gönnte mir kaum eine Minute, dies ausgiebig zu feiern und musste gleich zur “Tagesordnung” übergehen und mich für die WM weiter fit halten. Klar, als Sportler weiß man einfach, dass der Sieg von heute, morgen nichts mehr zählt. Neuer Wettkampf, neues Glück. Und ich weiß, Debi und Liz wollen ebenfalls ganz oben stehen! Es ist auch ihr Abschied.
Na, das wird noch mal spannend.

Seit Olympia fragen sich die Sportpresse und die ganze Eislaufwelt, ob sie mich wieder sehen werden auf dem Eis?
Die “Yellow Press” fragt sich, welche Werbeverträge ich annehme oder ob ich mich schon für “Dallas” oder “Denver” entschieden habe?
Ich frage mich ganz einfach, wie kann ich weiter meine Träume auf dem Eis erfüllen ohne Noten bekommen zu müssen?
Ich hatte Angst eine Eiskunstläuferin ohne Eis zu werden.
Wie ein Maler ohne Leinwand, eine Sängerin ohne Stimme oder ein Schauspieler ohne Bühne oder oder oder ...
Wenn ich gewusst hätte, dass noch 20 wundervolle und erfüllte Jahre auf dem Eis vor mir lagen, ich hätte so viel freier atmen können!

Allerdings bin ich überhaupt nicht traurig, endlich nach dem Pflichtwettkampf meine Pflichtschuhe auch symbolisch für die Fotografen an den Nagel zu hängen. Der Pflicht werde ich keine Träne nachweinen, obwohl ich mich ihr gerade im letzten Jahr besonders widmete. Diese Früchte konnte ich diese Saison ernten und lag jetzt sogar vor Elizabeth Manley und Debi Thomas an erster Stelle. Kira, die absolute Pflichtkönigin, überließ uns anderen Mädels “das Schlachtfeld”. Sie war gar nicht da.
Diese Schuhe nehme ich logischerweise wieder vom Haken und mit nach Hause, da es Clubeigentum ist und eine andere Läuferin sie bekommen wird. Immerhin, sie sind immer noch schön weiß und vielleicht bringen diese Schuhe einer anderen Läuferin mehr Glück!
Das Kurzprogramm kann besser nicht sein. Alle Elemente kommen lupenrein und ich bin mit “Jerrys Girl” auch wieder übermütig in meinem Element. Die Zuschauer hören nicht auf zu klatschen und in der B-Note bekomme ich eine 6.0 von unserem Preisrichter, Reinhard Mirmsecker. Ein wirklich geglückter Abschluss meiner Kurzprogrammlaufbahn. Debi ist auch wieder fehlerfrei und bekommt insgesamt höhere Noten und macht sich damit selbst ihr schönstes Geburtstagsgeschenk an dem Tag, den Gewinn dieser Teildisziplin. Liz patzt in der Kombination und damit bleibt es wie immer spannend bis zum Schluss.
Am Tag der Kür fällt es mir ungewöhnlich schwer mich zu konzentrieren.
Den ganzen Tag über höre ich den Song “I had the time of my life” aus dem Film Dirty Dancing.
Und in meinem Kopf kreist es ununterbrochen: dies wird das Letzte Mal sein. Ein letztes Mal die “Carmen” ein letztes Mal die Schlittschuhe zum Wettkampf zubinden. Ein letztes Mal sechs Minuten Einlaufen. Alles scheint an diesem Tag ein letztes Mal zu werden. Vielleicht ist es auch diese Wehmut und Traurigkeit, die mir die Beine schwer werden lässt, an diesem Abend und mein gewohntes Temperament schwindet.
Aber bei allen Favoritinnen ist der Wurm drin und keine liefert eine atemberaubende Vorstellung ab. Die Saison ist lang, die Luft ist raus.
Die Leistungen meiner Kür sind nicht so meisterhaft wie ich sie gern zum Abschluss gewünscht hätte. Mit nur drei Dreifachen und einem Doppelaxel hatte ich einige Fehler drin und die gemeinsame Freude mit Frau Müller hielt sich in Grenzen, als wir zusammen in der “Kiss & Cry” sitzen.
Die Noten nach meinem Kürprogramm sind für die gezeigten Leistungen sehr wohlwollend. Man sieht es auch meinem Gesicht an, dass ich selbst erstaunt bin. Wenn Du selbst weißt, dass es nicht optimal gelaufen ist und der Preisrichter genügend Gründe hat, einen abzustrafen und dann doch gute Noten gibt, fühlst Du dich nicht wirklich wohl in deiner Haut.
Ich habe viele Sympathiepunkte bei den Preisrichtern in den letzten Jahren gesammelt. Sei es darum, dass ich mich immer der Herausforderung gestellt habe, oder auch, weil ich immer wieder bewies, in Wettkampfsituationen über mich heraus wachsen zu können und sie dies auch bewunderten. Oder weil ich immer fröhlich, aufgeschlossen und freundlich war. Das ist Teil dieses Sports. Nicht alles lässt sich in Punkte und Zehntel messen.
Ein großer Teil des Eiskunstlaufens ist Emotion! Bei Emotionen lässt man sich auch mal vom Augenblick hin reißen. Und Emotion lässt sich nicht werten, bewerten.
Aber lebt dieser Sport nicht auch davon?
Vielleicht waren die Kürnoten bei dieser Weltmeisterschaft in Budapest für mich auch ein kleines Abschiedsgeschenk.
Aber auch dies ist Eiskunstlaufen!

Auf dem Siegerpodest stehen also wir drei. Alle anfangs nicht ganz so happy, aber auch froh, dass es endlich vorbei ist. Als Debi Liz und mir die Hand reicht, nutzt Liz die Gelegenheit, Debi zu ihrer Hochzeit zu gratulieren. Ich denke, hey, was haste denn hier wieder verpasst und frage: wie Hochzeit, wann denn? Und Debi, ja ich habe mal schnell nach Calgary noch vor der WM geheiratet. Das kann ich ja nun überhaupt nicht fassen. Ich trainiere wie blöde und sie heiratet einfach.
Also stehen wir da auf dem Podium während wir unsere Medaillen, Blumen, Gratulationen und üblichen Küsschen bekommen, diskutierend und amüsiert die ganze Zeit. Und alle um uns herum denken, was um alles in der Welt bequatschen die Mädels da oben auf dem Podium?

Ende der Amateur-Karriere

Trotz aller Wehmut freue ich mich, dass meine Eltern mit mir in Budapest sind und die gesamte Gastfreundschaft der Ungarn zu spüren bekommen. Sie bekommen vom Veranstalter eine Akkreditierung und sogar Karten fürs Abschlussbankett, was zu einiger Irritation in unserer Mannschaft sorgt. Woher haben sie die denn? Alles nicht selbstverständlich. Wir leben in der DDR und den Großteil meiner erfolgreichen Karriere haben sie vom Wohnzimmer aus betrachtet. Wenn ich im “nicht sozialistischen” Ausland war, konnten sie mich nicht begleiten. Deshalb war ich umso dankbarer, sie hier in Budapest an meiner Seite zu haben.
Im Namen aller Teilnehmer halte ich dort die Dankesrede und so teilen auch meine Eltern mit mir meine Tränen und meine Abschiedsworte

“I Had The Time Of My Life”

Copyright Katarina Witt
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